Schwerpunkte im Geschichtsunterricht am Hansa-Gymnasium


Spätestens seit dem 19. Jahrhundert war die deutsche Geschichte immer auch eine Geschichte großer Wanderungsbewegungen. Die Binnenwanderung aus dem agrarischen Osten in den sich industrialisierenden Westen, die Auswanderung nach Nordamerika und Osteuropa und die grenzüberschreitende Mobilität der Saisonarbeiter in vielen grenznahen Regionen waren folgenreiche Prozesse, die Leben und Selbstverständnis von Millionen Menschen prägten.

Allerdings ging mit der immer schärferen Abgrenzung des Kaiserreichs gegenüber den Nachbarstaaten und der deutschnationalen Überheblichkeit gegenüber den Menschen jenseits der Grenzen, die die Weimarer Republik nur wenig minderte und die der Nationalsozialismus dann mit aller zerstörerischer Macht fortsetzte, das Bewußtsein für die Normalität dieser Wanderungsbewegungen weitgehend verloren. Noch kurz vor dem Ende der europäischen Teilung 1989 konnten Politiker in der Bundesrepublik behaupten, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei – und zwar nachdem zwischen 1945 und 1950 ca. 10 Mio. Menschen in die vier westlich der Oder gelegenen Besatzungszonen geflohen waren und 1964 der millionste "Gastarbeiter" – aus Portugal - auf dem Bahnhof Köln-Deutz medienwirksam empfangen worden war.

Seit dem Ende der europäischen Teilung nun wandern die Europäer erneut über die nunmehr offenen Grenzen hinweg, auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen, aber auch - immer noch – aus Furcht vor politischer Verfolgung, etwa in dem zerfallenden Jugoslawien. In den westlichen Ländern der Bundesrepublik ließen sich seither Millionen von Menschen nieder, die bei aller Anpassungsbereitschaft sich ihrer Herkunft und Lebensgeschichte erinnern wollen und so das Bild, das die deutsche Gesellschaft von sich selbst hatte, nachhaltig verändern. Denn erstens werden seit der Jahrtausendwende auf Bundes- und Länderebene erstmals überhaupt regelmäßig empirische Daten zur Migration erhoben und veröffentlicht (u.a. die Migrationsberichte). Und zweitens werden auch Schlussfolgerungen diskutiert, die aus der Tatsache zu ziehen sind, dass etwa 2009 gut jeder dritte Grundschüler in Hamburg einen Migrationshintergrund hatte; eine schulinterne Erhebung am Hansa-Gymnasium bestätigte 2010 diesen Befund.

Für den Geschichtsunterricht ergibt sich daraus – neben den Überlegungen zur Förderung der Lese- und Schreibkompetenz – die Notwendigkeit, Wohnortwechsel über größere Entfernungen und über Grenzen hinweg neben anderen Prozessen des gesellschaftlichen Wandels systematisch aufzugreifen und im Rahmen einer Geschichte des Alltags als Normalität darzustellen.

Wir tragen der Migration als grundlegendem und universalem Phänomen der Menschheitsgeschichte Rechnung, indem wir die einschlägigen "historischen Orte" des Lehrplans als Spiralcurriculum miteinander verbinden und dabei altersangemessen eine zunehmende Tiefe der Reflexion anstreben. Als historische Orte, die auch bisher – mehr oder minder genau – mitgedacht wurden, kommen in Betracht:

 

  • in der Vor- und Frühgeschichte: die Entwicklung des Menschen in Afrika und seine Ausbreitung über die gesamte Erde ("Out of Africa", Jg. 6);
  • in der antiken Geschichte: die "Völkerwanderung", Jg. 6, 7;
  • in der frühneuzeitlichen Geschichte: Flucht/Vertreibung aus religiösen Gründen (Spanien nach 1492, Mayflower 1620, Frankreich/Preußen 1678 ff.), Jg. 8;
  • in der neueren Geschichte: Arbeitsmigration von Osten nach Westen in Deutschland, Auswanderung aus Deutschland nach Osten (Zarenreich) und Westen (USA) im 19. Jahrhundert, Jg. 9;
  • in der Zeitgeschichte: Flucht/Vertreibung aus politischen und religiösen Gründen (Folge beider Weltkriege und der Kriege nach 1945, Erfahrung des Exils, Entwicklung des Asylrechtes), Jg. 10;
  • in der "Gegenwartsgeschichte":

     

    • Umfrage in einer Lerngruppe zu Geburtsort und –jahr der Eltern/Großeltern/Urgroßeltern (unter Beachtung des Schutzes persönlicher Daten) und historische Einordnung der Ergebnisse, Jg. 10;
    • Europäische Arbeitsmärkte in der Zukunft: persönliche Perspektiven und allgemeine Entwicklungstendenzen, in Zusammenarbeit mit PGW, Jg. 10;

     

Wir suchen aktiv die Auseinandersetzung mit völkischen Vorstellungen von Nation/Nationalismus und verweisen auf der Grundlage der Übersicht zur Familiengeschichte auf alternative Deutungsangebote, etwa auf einen Verfassungspatriotismus, der auf die Gleichheit von Rechten und Pflichten gegründet ist.

Dieses Teilcurriculum mit den Schwerpunkten Migration und nationale Identität versteht sich auch als Beitrag des Faches Geschichte zum Leitbild des Hansa-Gymnasiums:

  • Der Blick auf die Geschichte der eigenen Familie ist Teil der Persönlichkeitsentwicklung;
  • das Wissen um die Universalität des "wandernden Menschen" in Vergangenheit und Gegenwart ist wichtiger Teil einer breiten Allgemeinbildung;
  • die reflektierte Auseinandersetzung mit Vorstellungen von nationalem Zusammenhalt macht Eigenverantwortung und gesellschaftliche Verantwortung in der Gemeinschaft im Alltag sichtbar.