Schüler unterrichten Schüler

Ein Projekt im Philosophie-Unterricht: Der Abiturjahrgang unterrichtet Sechstklässler

Bereits seit einigen Jahren bieten wir am Hansa-Gymnasium schon Philosophieunterricht bereits in der 6. Klasse an. (Nebenbei bemerkt ist dies immer noch eine Seltenheit an Hamburger Schulen, obwohl unsere Unterrichtspraxis zeigt, dass auch bereits Kinder in der 6. Klasse sehr wohl interessiert und differenziert philosophieren können.) Am 12. Dezember fand am Hansa-Gymnasium nun aber eine besondere Doppelstunde statt: Statt eines Lehrers kamen dieses Mal gleich 15 Lehrer/innen in den Philosophiekurs der 6. Klasse. Der S3-Kurs hatte im 3. Semester das Thema "Ethik" bearbeitet und sich im Laufe des Halbjahrs mit den wichtigsten Theorien zum Thema und verschiedenen (zum Teil unschönen) Beispielen auseinandergesetzt: Darf man Folter androhen, um möglicherweise ein Kind zu retten? Sollte Israel den Iran angreifen, um den Abwurf einer iranischen Atombombe zu verhindern? Und darf man einen Menschen töten, wenn man dadurch neunzehn andere Menschen rettet?!

Nun sollte dieser S3-Kurs eine Doppelstunde zur Einführung in die Ethik für Sechstklässler/innen planen. Als die Planung begann, war klar, dass weder solche Beispiele wie oben genannt geeignet sein würden noch eine detaillierte Auseinandersetzung mit komplizierten ethischen Theorien. Auch die allerersten Ideen ("Lasst uns doch erstmal 'Moral' definieren." "Wir geben ihnen das Wort 'Ethik' vor und schauen, was ihnen dazu einfällt.") wurden bald aufgegeben: Stattdessen hat der Kurs eine Doppelstunde um konkrete Dilemmageschichten herum geplant, in denen die meist elfjährigen Schülerinnen und Schüler selbst gefragt waren: z.B. zu der Frage, ob man der Mutter eines Freundes die Wahrheit über eine Fünf dieses Freundes in einer Mathearbeit gestehen müsse oder nicht. (Die Lösung verraten wir an dieser Stelle nicht; fragt eure Mitschüler/innen, falls es euch interessiert oder denkt am besten selbst nach...) So konnten die Sechstklässler selbst aktiv werden und einen ersten Eindruck davon bekommen, wie interessant es sein kann, sich genau mit der philosophischen Grundfrage "Was soll ich tun?" auseinander zu setzen.

Die angehenden Lehrer/innen aus dem S3-Kurs haben beim Unterrichten beispielsweise bemerkt, dass der Unterricht "harte Arbeit" sein kann und dass es "viel Geduld und Verständnis" erfordert, Sechstklässler zu unterrichten. Dazu hätten die Sechstklässler "stark über die verschiedenen Geschichten diskutiert", aber sie könnten die ethischen Dilemmata oft noch nicht "auf die Allgemeinheit […] beziehen".

Das stimmt sicherlich, aber zumindest waren die Sechstklässler sehr angetan von ihren neuen Lehrer/innen. Hier ein paar Anmerkungen aus der Folgestunde: "Es hat sehr viel Spaß gemacht mit den Großen. Ihr seid cool!" oder "Perfekt, ihr seid cool und sympathisch. Ich finde, das müssen wir öfters machen." oder "Es war gut, denn die Oberstufenschüler haben es nicht wie ein Lehrer gemacht, sondern wie Schüler, also freier und lustiger."

Konrad Pahlke